Speedreading: Schnell, aber solide

Mit der richtigen Technik lässt sich die Lesegeschwindigkeit auf das Vierfache erhöhen – ohne Inhalte zu verlieren.

(Von Philipp Hacker/ Kurier/ 10.Mai 2008)

Einfach und Effizient

Am Montag die Bibel, am Mittwoch Krieg und Frieden und übers Wochenende die „Herr der Ringe“-Triolgie. Das ganze freilich nicht auf Video, sondern als Buch. Und ungekürzt, versteht sich.

Speedreading scheint auf den ersten Blick zu gut, um wahr zu sein. Auf den zweiten einfach genug, um es auszuprobieren.

Marion Schultheiss brauchte sieben Jahre, um die Speedreading-Bücher auf ihrem Regal zu lesen.

Nicht wegen ihrer Lesegeschwindigkeit– die anfängliche Skepsis war schuld. „Mir war das zuerst zu vollmundig amerikanisch“, sagt sie heute als „Bekehrte“. „Ich war überrascht, wie schnell es funktioniert hat – und habe mich geärgert, dass ich es nicht schon zu Beginn meines Studiums ausprobiert habe.“

Heute leistet Schultheiss selbst Überzeugungsarbeit in Sachen Speedreading – und gibt den Teilnehmern ihrer Seminare eine Erfolgsgarantie.

„Nach einem Seminar liest man garantiert doppelt so schnell als vorher“, sagt Schultheiss.

Der erste Schritt zum geübten Schnellleser: Bremsen in Formangelernter Lesefehler beseitigen. Dann wird mit Geschwindigkeitsübungen an der Temposchraube gedreht (siehe Artikel unten). Der Weltrekord liegt bei knapp 4000 Worten pro Minute – das Zwanzigfache von dem, das der Durchschnittsleser verarbeiten kann. „Das artet dann schon in Arbeit aus“, sagt Schultheiss (ihr persönliches Lesetempo: 800 bis 1000 Worte pro Minute).

„Mit ein paar Minuten Training pro Tag erreicht man aber rasch die vier- bis fünffache Lesegeschwindigkeit.“ Wichtiger Zusatz: „Ohne dabei weniger Inhalt aufzunehmen.“

Technik

Denn mit Querlesen hat Speedreading nichts zu tun: „Es ist keine Überfliegetechnik, sondern eine solide Lesetechnik.“ Eine Technik, die in Österreich noch nicht weit verbreitet ist, an amerikanischen Elite-Universitäten jedoch längst zumStandardprogramm gehört. Aus gutem Grund: Gerade für Fachliteratur ist Speedreading bestens geeignet. Dreihundert Seiten Wissenschaft passen da locker in zwei Flugstunden, weiß Schultheiss aus eigener Erfahrung.

Sorgen, die Lust amLesen, das viel zitierte Abenteuer im Kopf zu verlieren, muss man sich aber keine machen, sagt die Expertin: „Speedreading eignet sich sicher mehr für Fachliteratur als für Romane mit besonders schönen Formulierungen. Als Radrennfahrer können Sie trotzdem gemütlich mit dem Waffenrad durch die Landschaft bummeln. Es hetzt Sie ja niemand.“

Starthilfe:

Bücher und Seminare

Bestseller „Tony Buzan ist für das menschliche Gehirn, was Stephen Hawking für das Universum ist“, schrieb die „Times“ über Buzans Buch „Speed Reading: Schneller lesen – Mehr verstehen – Besser behalten“.

Erschienen 2007 im Goldmann Verlag.

Garantie

Bei Seminaren von Marion Schultheiss (www.schultheiss.at) lässt sich das Lese-Tempo an einem Wochenende verdoppeln.

Zwei Phasen

Wie man zumSchnellleser wird

Die Wandlung vom „normalen“ zum Express- Leser passiert in zwei Phasen. Zunächst geht es darum, Lese-Bremsen auszuschalten. Ein langsamer Leser – im Durchschnitt können wir 170 bis 200 Worte pro Minute verarbeiten – hat sehr viele Blickkontakte mit der Seite, springt oft zu einzelnen Wörtern zurück und liest die meisten Textzeilen mehrfach. All das lässt sich mit einer simplen Zeigehilfe gut vermeiden.

Innere Stimme

Ein weiterer typischer Lesefehler: „Wir subvokalisieren, also lesen uns die Texte leise imKopf selbst vor“, weiß Marion Schultheiss. Die innere Stimme limitiert das Leseauf das Sprechtempo, das zwischen 200 und 300 Worten pro Minute liegt. Ein weiterer Faktor: Langsame Leser erfassen jedes Wort einzeln – obwohl jeder in der Lage wäre, Gruppen von zwei bis vier Wörtern zu erfassen, was sowohl Tempo als auch Textverständnis zugute  kommt.

In Phase zwei geht es darum, das Tempo zu erhöhen: Beispielsweise mit Speed Drills, bei denen auch ein Metronom zum Einsatz kommt.

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Link zum .PDF: Kurier_SpeedReading1

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